Rezension: Das bunte Leben des Komponisten Carl Maria von Weber

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(CIS-intern) – Von Horst Schinzel – In den zurück liegenden Jahrzehnten hat es eine Fülle von Veröffentlichungen über den in Eutin 1786 geborenen Komponisten Carl Maria von Weber und dessen doch recht exotische Familie gegeben. Das begann im Vorfeld des 200. Geburtstages bereits 1985, als der Lübecker Journalist Günter Zschacke eine sehr lesenswerte – inzwischen natürlich vergriffene – Biografie vorlegte. Beachtliche Beiträge zu unserem Wissen um die Eutiner Musikverhältnisse zur Zeit der Geburt Webers hat der Theologe und Musikwissenschaftler Matthias Viertel beigetragen Ganz wichtig sind die Studien, die der Berliner Musikwissenschaftler Frank Ziegler für die Internationale Carl Maria von Weber-Gesellschaft vorgelegt hat. In deren Jahrbuch „Weberiana“ finden sich viele gewichtige Beiträge.

Jetzt hat der Musikwissenschaftler und Theatermann Christoph Schwandt das Ergebnis seiner Forschungen zu diesem Komponisten auf über 600 Seiten in einer neuen Biografie „Carl Maria von Weber in seiner Zeit“ dargestellt in überwältigender Ausführlichkeit. Schwandt lässt seine Leser praktisch an jedem Tag des Lebens des Künstlers einschließlich seiner gesundheitlichen Probleme teilhaben. Das ist zweifellos hoch interessant, aber leider doch von nicht unbedenklicher Länge.
Wir erfahren von den schwierigen Kindheits- und Jugendjahren durch den abenteuerlichen Vater, der immer mehr scheinen als sein wollte. Ein ungutes Erbe auch für den jungen Künstler, der früh seinen eigenen Weg gehen musste.

Weber war überaus fleißig, aber anfänglich kaum sonderlich erfolgreich. Er machte bedenkenlos Schulden, was ihn schließlich in Württemberg insx Gefängnis und zum Landesverweis führte. Erst als er in Prag Operndirektor am dortigen Ständetheater geworden war, konnte er daran gehen, seine Schulden abzutragen. In den Folgejahren als Königlich Sächsischer Hofkapellmeister in Dresden und insbesondere nach dem Erfolg des „Freischütz“ hat er in den wenigen Jahren bis zum seinem frühen Tode in London ein beachtliches Vermögen erworben, so dass die Witwe und seine beiden Kinder nicht zu darben brauchten. Wie er überhaupt in seinen letzten Lebensjahren ein großbürgerliches Leben geführt hat mit Kindermädchen, Köchin, Kutscher, eigenem Wagen und zwei Pferden.

Schwandt betont, dass Weber viel gereist ist. Wer als Musiker in jener Zeit ohne die modernen Medien Erfolg haben und viel Geld verdienen wollte, konnte darauf gar nicht verzichten. Die meisten zeitgenössischen Musiker haben so verfahren. Dabei waren solche Reisen sehr unbequem. Mehr als sechs Kilometer in der Stunde schafften die Kutschen nicht.

Schwandt überhöht Weber als „Europäer“. Das ist nicht unproblematisch. Ein Nationalstaatsbewusstsein bildete sich in Deutschland erst nach den Napoleonischern Kriegen heraus. Ein Staatsbürgerschaftsrecht gab es noch nicht. Jeder war seinem Landesherrn untertan. Weber bekam das zu spüren, in dem er bei offiziellen Anlässen eine Hofuniform anlegen musste. Überdies räumt Schwandt mit manchem Märchen auf, die sich mit Weber als Kapellmeister gebildet haben. Weder
hat er den Taktstock erfunden – er selbst hat meist mit einer Notenrolle in der Hand dirigiert – noch dauerhaft die heutige Orchestersitzordnung. Und am allerwenigstens war er d e r deutsche Komponist, zu dem ihm Wagner hat später hochstilirisieren wollen.

Christoph Schwandt, Carl Maria von Weber in seiner Zeit – Eine Biografie, Main 2014, Schott Musik GmbH

PM: Horst Schinzel