Oper in Lübeck: TANNHÄUSER

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(CIS-intern) – Von Horst Schinzel Zum dritten Mal hat die Lübecker Oper die neue Spielzeit im Rahmen des Projekts “ Wagner trifft Mann“ mit einer Wagner-Oper eröffnet. Ausgewählt wurde die so genannte Dresdner Fassung des „Tannhäuser“. Musikalisch wurde dieser Abend am letzten August-Sonntag zu einem großartigen Erlebnis. Szenisch aber hinterließ er einen höchst zwiespältigen Eindruck Der freie Regisseur Florian Lutz bürstet Wagners Meisterwerk in seiner ersten Lübecker Arbeit kräftig gegen den Strich. Er politisiert heftig, fordert gesellschaftliche Veränderungen und verunglimpft Bundeskanzlerin Angela Merkel persönlich und greift deren Politik an. Dazu haben einige Wartburg-Ritter in ihrer Kleidung Beziehungen zu Oppositionspolitikern und ein neu getexteter Schlusschor ruft dazu auf, in Wagners Symbol des grünenden Pilgerstabs die Aufforderung zu gesellschaftlichen Veränderungen zu sehen. Ungewöhnlich auf der Opernbühne und teilweise sehr unpassend -wenn nicht gar ungehörig.

Fotos Jochen Quast

Eingangs setzt sich Lutz mit der Sünde und deren Bedeutung für den Menschen auseinander. Auf der von Christoph Ernst minimalistisch gestalteten Bühne vor verwirrenden Videos von Katharina Spuida-Jabbouti und in der Alltagskleidung von Mechthild Feuerstein werden die vier Edelknaben von Andrea Stadel, Imke Looft, Frauke Becker und Annette Hörle zu Moderatorinnen. Nach einer Ansprache üben sie mit dem Publikum die Eingangszeile des Pilgerchors als Kanon ein. Im Foyer werden – sicher ausgewählte – Besucher zu ihren Definitionen der Sünde befragt. Wunschgemäß nennen sie Völlerei, Trunksucht, Eitelkeit und Wollust als Stichworte. Entsprechend werden die Stichwortgeber zur Venusberg-Szene auf die Bühne gebeten. Eine Journalistin bekommt ein leckeres Essen vorgesetzt. Ein Herr darf sich an der Bar bedienen lassen, ein anderer bekommt einen neuen Haarschnitt.

An einer Stange zeigt eine Nathalie beim Pole-oderTabledance ihren schönen Körper. Bis zur völligen Nacktheit. In diesem Chaos singen die Ukrainerin Julia Faylenbogen als Venus und Herbert Lippert als Tannhäuser ganz herrlich. Lippert hat seine Laufbahn vor dreißig Jahren in Lübeck begonnen. Heute ist er ein international gefeiertes Mitglied der Wiener Staatsoper. Beide begeistern.

Carla Filipcic Holm ist den Lübecker Musikfreunden bereits bekannt. Als Venus gefällt sie durch ihre schöne Stimme. Würde sie nicht im dritten Akt in Maske, Kleidung und Gestik zu einem Angela-Merkel-Verschnitt mutieren. Fatal, wenn sie den Wartburg-Rittern die Hand gibt und die reihenweise tot umfallen. Ein empor gezogenes Bild charakterisiert sie – ziemlich fantasielos – als alternativlos. Großartig auch Gerard Quinn als Wolfram von Eschenbach – im Rollstuhl, die politischen Ansielungen sind unübersehbar. Daniel Jenz, Taras Konoshchenko, Hjongseok Lee und Tim Stolte gefallen in ihren Rollen als Wartburg-Ritter, Shavleg Armasi als Landgraf Hermann.

Gefallen – den der Regisseur läst seine Sängerinnen und Sänger meist statuarisch singen. Handlungsmäßig eschieht nicht viel – sieht man von einer Art Kissenschlacht auf der Wartburg ab. Und auch die großartigen Chöre – einstudiert von Joseph Feigl – agieren nur andeutungsweise. Generalmusikdriektor Ryusuke Numajiri weiß das Philharmonische Orchester zu Wagnerschem Wohllaut zu führen. Besonders die Bläser gefallen. Und endlich einmal übertönt der Graben nicht die Solisten.

Dem Premierenpublikum gefällt es. Entgegen der Konvention bei Wagner gibt es sogar Szenenbeifall. Kein Wunder allerdings, dass sich in den Jubel des Schlussbeifalls vereinzelte Buhrufe mischen – die sich sogar gegen einzelne Darsteller wie etwa die Poletänzerin Nathalie richten.

Die nächsten Vorstellungen

7. und 28. September, jeweils 17 Uhr

Fotos Jochen Quast

Horst Schinzel 2014 09/01

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