Neues Grass-Haus in Lübeck eröffnet

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(CIS-intern – Horst Schinzel ) – Ab dem 14. Oktober 2012 öffnet DAS NEUE GRASS-HAUS in Lübeck seine Türen und bietet den Besuchern künftig ein ganz besonderes Ausstellungserlebnis. Mit einem großen Fest anlässlich des 85. Geburtstags von Günter Grass wurde die neue Sammlungsausstellung in der Glockengießerstraße eingeweiht. Titel der Schau: „Das Ungenaue genau treffen“.

Fotos Klaus Mittelstädt

Vor zehn Jahren wurde das Museum als Forum für Kunst und Literatur eröffnet. Der Fokus lag damals vor allem auf der Erforschung und Vermittlung von Grass’ Doppelbegabung als bildender Künstler und Autor. In zahlreichen Sonderausstellungen und Veranstaltungen konnten in den vergangenen zehn Jahren zudem viele weitere Künstler vorgestellt werden, deren Talent sich in den verschiedenen Sparten offenbart. Unter ihnen Johann Wolfgang von Goethe, Hermann Hesse, Robert Gernhardt, Wilhelm Busch, Friedrich Dürrenmatt, Janosch, Ernst Barlach, Arno Schmidt oder jüngst Gottfried Keller. Das Forum beherbergt den bildkünstlerischen Vorlass mit mehr als 1.200 Grafiken von Günter Grass, eine Forschungsbibliothek sowie ein Medien- und Sammlungsarchiv, das die Manuskripte des Schriftstellers aus den Jahren 1996 bis 2002 umfasst.

Die neue Ausstellung wird den Blick über Grass’ Doppelbegabung hinaus erweitern. „Ich finde die Präsentation absolut überzeugend. Sie vereinfacht den Zugang zu Grass´ Werk“, erklärte Kultursenatorin Annette Borns bei einem ersten Rundgang mit den Journalisten.

„Als Betrachter ist man beeindruckt von der Vielseitigkeit des Künstlers, gleichzeitig erfährt man viel Persönliches.”

In Zusammenarbeit mit der Designerin Franka Frey hat Museumsleiter Jörg-Philipp Thomsa das Konzept entwickelt. „Die neue Ausstellung im Günter Grass ist ein Wurf, der vielleicht Proteste und Erstaunen, sicher aber Lob und Bewunderung hervorrufen wird“, erklärte Prof. Dr. Hans Wißkirchen, Leitender Direktor der Lübecker Museen, und fügte hinzu: „Innovative Literaturausstellungen sind seit 1993, als das Buddenbrookhaus eröffnet wurde, ein Markenzeichen Lübecks. Diese Ausstellung reiht sich von daher würdig in die Reihe ihrer großen Vorgänger ein.“

Jörg-Philipp Thomsa, Leiter des neuen Grass-Hauses, verdeutlichte das Konzept: „Wir wollen dem Besucher offen legen, vor welchen Herausforderungen Wissenschaftler in einem Museum stehen. Wir veranschaulichen das kuratorische Prinzip und zeigen auf, dass es nur durch eine Auswahl möglich ist, ein solch komplexes OEuvre aus sechs Jahrzehnten ein einer Ausstellung darzustellen. Darum bilden wir wechselnde thematische Schwerpunkte und rücken so immer wieder einen anderen Ausschnitt aus seinem Schaffen in den Fokus.“

Der Besucher wird zu Beginn des Rundgangs eingeladen, sich an einem symbolischen Schreibtisch in die Rolle des Kurators zu versetzen und sich dort einen ersten Überblick über das Gesamtwerk und die zentralen Motive der Ausstellung zu verschaffen.
Die neue Präsentation zeigt Themen, die den Autor, Bildhauer, Grafiker und Maler in seinem Leben begleiten und in seinem Werk immer wieder auftauchen: bildende Kunst, Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, Geschlechterverhältnis, politisches Engagement, Skandale. Dabei kann der Besucher durch das interaktive Ausstellungskonzept selbst entscheiden, in welcher Reihenfolge und wie intensiv er sich mit den einzelnen Themen beschäftigen möchte. An einem großen Multitouch-Tisch mit digitalem Memory-Spiel finden weitgehend unbekannte und kuriose Motive ihren Platz, beispielsweise welche Rolle die Schlümpfe im Werk von Günter Grass spielen oder weshalb einst eine Ratte in seinem Kühlschrank lag.

Auch das politische Wirken des Schriftstellers wird künftig stärker in den Blick gerückt. „Günter Grass polarisiert große Teile der Öffentlichkeit. Das macht ihn und sein Werk ja gerade interessant. Wir als Museum sehen es als unsere Aufgabe an, diese Facetten aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu beleuchten“, sagt Jörg-Philipp Thomsa. Thematisiert werden daher beispielsweise die Debatten um „Die Blechtrommel“, „Katz und Maus“ oder „Ein weites Feld“, aber auch die heftigen Kontroversen aus der jüngeren Vergangenheit wie nach Veröffentlichung des Gedichts „Was gesagt werden muss“. Zitate von Weggefährten und Zeitgenossen, die Grass bewundern wie von jenen, die ihn und sein Werk zuweilen hart kritisieren, finden sich im Eingangsbereich des Forums. Weitere Ansichten über den Künstler von den fünfziger Jahren bis heute hat der Schauspieler Mario Adorf eingesprochen, sie erklingen von der Decke.

Darüber hinaus ermöglichen es die interaktiven Themenmodule, aktuell auf die Arbeit des Künstlers oder auf neue Forschungserkenntnisse zu reagieren. Zudem erhalten die Besucher an einem Monitor die Möglichkeit, selbst einen Aspekt aus dem Kosmos Grass zu wählen, den sie bei ihrem nächsten Museumsbesuch gerne beleuchtet wissen möchten. So können die Besucher das Werk, den Künstler, den Menschen und die öffentliche Person Günter Grass aus unterschiedlichen Perspektiven erfahren.

Leitmotiv der neuen Sammlungsausstellung ist ein großformatiges Porträt von Günter Grass mit Schnecke. Es soll dazu anregen, immer genau hinzuschauen, sich ein eigenes Bild zu machen und neugierig zu bleiben.